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Was passiert, wenn Ebbe und Flut gleichzeitig eintreffen?

 

Szenario 1

 

Es passiert nichts. Die beiden Extrema Ebbe und Flut gleichen sich aus und nichts passiert. Das Meer liegt ruhig und unbewegt dar und wird sich nie mehr bewegen. Über die Generationen hinweg gewöhnt man sich daran, dass das Meer jetzt ein See geworden ist. Es gibt ein paar gefährliche Strömungen, die durch die Berührung von Kalt- und Warmwasserzonen entstehen. Aber ansonsten ist der Große See sehr viel friedvoller geworden. „Nicht so viele Wellen.“, sagt Oma Frieda.

 

Szenario 2

 

Durch die rückläufige Wasserbewegung, die durch die Ebbe herbeigeführt wird, und die gleichzeitige Vorwärtsbewegung der Flutwellen entsteht ein Strudel, der einer Locke ähnelt, nur dass sich hier das Haar immer weiter um sich selbst zwirbeln würde. Das Wasser erreicht nie die Küste, sondern kämpft am Horizont mit sich selbst. Ziemlich schnell hat der Wasserlockenwickler durch sein ständiges Umeinanderwirbeln eine immer tiefer werdende Grube in den Grund gearbeitet. Das Meer verschlingt sich selbst und geht dabei unter.

Sobald es die tieferen, wärmeren Erdschichten erreicht hat, verdampft es in großer Menge, woraufhin eine allumfassende Regenzeit anbricht. Alle sind gespannt, ob das der Beginn eines neuen Kreislaufs ist oder, ob der alte Kreislauf jetzt wieder greifen wird. Es regnet und regnet und das Wasser sammelt sich überall und fließt von den höheren Ebenen zu den tieferen und füllt die Landschaft, die einst sein Zuhause war. Der durch den Wirbel entstandene Abgrund saugt das Wasser auf wie ein Abfluss. Das Wasser wehrt sich nicht und verdampft aufs Neue. Es regnet.

 

Szenario 3

 

Der Mond ist in zwei Teile zerbrochen. Seitdem man durch die neue Technik des Screenings, bei dem auch größte Körper wie der Mond vergleichbar mit dem Röntgen von innen abgebildet und untersucht werden können und nachgewiesen wurde, dass der Mond ausgerechnet aus Titan besteht, einem der teuersten Leichtmetalle, wird es mithilfe tiefer Bohrungen geborgen und auf der Erde verarbeitet.

 

Titan hat die Eigenschaft Stahl schon in kleinsten Mengen eine enorme Verfestigung zu verleihen. Dank der rauen Mengen an Titan, die nun über den Mond gefördert wurden, sank der Wert des Leichtmetalls und es konnte auch in Gegenständen für Normalsterbliche verarbeitet werden. Zudem erlebte die Rüstungsindustrie einen Aufschwung, da gegen die neuen Waffen auch nur die Abwehranlagen mit Titan-Legierung etwas brachten. Auch die kleinsten Auseinandersetzungen, bei denen Titan-Waffen und -Schilde genutzt wurden, wurden scherzhaft als „Kampf der Titanen“ bezeichnet. Neue Arbeitsplätze wurden geschaffen, weil man von keinem Astronauten erwarten kann, dass er auf dem Mond stumpf nach Titan bohrt. Es entstanden die „Space Pods“: Gondeln, die täglich die Arbeiter von der Erde zum Mond beförderten, weil man von niemandem erwarten kann, dass er nach einem langen Arbeitstag nicht den Abend bei seiner Familie verbringen darf. Auch die Touristik-Sparte wurde ausgebaut: Nur die Allerärmsten konnten nicht von sich behaupten, einmal auf dem Mond gewesen zu sein und ein Selfie gemacht zu haben, auf dem sich in der Mondbrille das Handy und die Erde spiegelt.

 

Und dann brach der Mond in zwei Teile. Die Bohrungen waren wohl zu tief oder vielleicht war einem Arbeiter ein Sprengsatz aus der Hand entglitten und in der Schwerelosigkeit gegen das Gestein geschwebt, wodurch er implodierte. Von hier sieht der Mond fast noch ganz aus, die beiden Teile haben nur einen etwa drei Kilometer langen Spalt zwischen sich aufgetan und so kreist der Mond wie ein fast zusammengesetztes Puzzle weiter um die Erde.

 

Aber als der Mond zerbrach, da gab es kurz Chaos auf der Erde. Ich erinnere mich, dass es drei Monate keine Bananen und keine Erdnussbutter im Rewe gab, weil die Schiffe aus Übersee nicht fuhren und die Flugzeuge nicht flogen. Die, die an der Küste lebten, hatten die Möglichkeit ein Spektakel zu bewundern, wo sie nachher sagten, dass sei „als wären Ebbe und Flut gleichzeitig eingetroffen“. Es muss sich wohl für drei Sekunden eine riesige Wasserwand aus dem Ozean erhoben haben. Die war wohl so groß, dass sie die Wolken berührte. Aber so hoch war das auch nicht, denn an dem Tag standen die Wolken recht tief. Schwere Regenwolken.

 

Auf jeden Fall dachten erst alle, dass es jetzt vorbei ist. Mit ihnen und mit allem. Aber dann verschwand die Wand wieder, stürzte ruckzuck in sich zusammen und war weg. Und die Leute am Strand hatten erst Todesangst und dann haben sie sich gefragt, ob sie wirklich gesehen haben, was sie gesehen haben. Drei Sekunden Todesangst und dann Verwirrung für alle Ewigkeit. Aber die anderen hatten es ja auch gesehen.

 

Die Wissenschaftler forschen bis heute, was da genau passiert ist. Und ob es sich wiederholen würde, wenn der Mond nochmal in zwei Teile bricht. Oder in vier.

 

Szenario 4

 

Ich muss so ziemlich der Einzige sein, der noch da ist. Und wenn ich hier in der Dunkelheit auch noch verreckt bin, wird erst irgendwann in unbekannten Zeiten eine andere Lebensform diese Aufzeichnungen finden und Mühe haben sie zu entziffern, weil ich so zittere. Aber ich muss berichten, was passiert ist, weil sie dann wenigstens gewarnt sind, dass man gegen die Natur keine Chance hat. Außerdem lenkt mich das Schreiben davon ab, dass ich der Letzte bin. Vielleicht bin ich aber auch der Letzte, der diese Zeilen liest.

 

Es ist schon erstaunlich, wie einfach wir plattgemacht wurden. Wäre ich Christ oder so, würde ich in dem Geschehen ganz bestimmt Gottes Fingerabdruck wiedererkennen, der die Menschheit straft oder einfach einen Fehler revidiert. Dass eine fremde Kraft den Meteoriten in Schwung gebracht hat, welcher haarscharf an der Erde vorbei direkt in den Mond gerast ist. Der Mond zerbarst in unzählbar viele Teile und etliche sorgten für Zerstörung auf der Erde. Aber die kaputten Häuser, hohen Wellen und speienden Vulkane hätten der Menschheit nicht den Rest gegeben. Viel schlimmer war, dass es keinen Mond mehr gab. Nur noch Splitter.

 

Ohne den Mond als Stabilisator eierte die Erde erstmal vor sich hin. Mittlerweile hat die Erde wohl irgendeine mögliche Laufbahn um die Sonne gefunden, auf jeden Fall kann man schon wieder laufen ohne umzufallen. Aber man kann nicht mehr an die Erdoberfläche gehen.

 

Ich lebe nur noch, weil ich von den Spezialbunkern der Regierung wusste. Mit mir hatten es noch zwei andere hierher geschafft. Ich kannte die nicht gut, nur aus der Zeitung, irgendwelche hohen Tiere. Wir waren hier mehrere Tagen zusammen eingesperrt bis man wieder laufen konnte. Und dann mussten die anderen unbedingt an die Oberfläche und gucken, was los ist. Bestimmt hatten sie große Fabriken und wollten wissen, ob die noch stehen.

 

Als der eine dann den Kopf aus der Klappe streckte, die der einzige Ein- und Ausgang hier ist, ist er sofort erfroren. Er fiel erstarrt wieder zu Boden, der Kopf komplett vereist. Wir warfen schnell die Klappe zu und näherten uns dem Ausgang und der Leiche mehrere Tage nicht. Das geht ganz gut, weil es hier ein Paar Konserven gibt. Ich habe auch mal versucht, den anderen anzusprechen, wo wir doch jetzt so etwas wie Zimmer-Genossen sind. Aber er wollte nicht mit mir sprechen. Bestimmt wollte er viel lieber mit seiner Familie sprechen, die er irgendwo zurückgelassen hatte. Er war immer unruhig und auf seinen Rundgängen durch den Bunker kam er der Leiche immer näher. Ich habe es kommen sehen, denn eines Tages streckte auch er den Kopf durch die Klappe.

 

Er hattte sich vorher dick eingepackt mit allem Möglichen, was er hier unten gefunden hatte, dachte wohl, dass das gegen die eisige Kälte hilft. Aber auch gegen das, was ihn erwartete, half seine Deckenschicht nichts. Natürlich war ich ihm zum Ausgang gefolgt, weil ich wusste, dass ich die Klappe, egal was ihm passieren würde, sofort wieder zuwerfen müsste. Als der nämlich seinen Kopf aus unserem Loch rausstreckte, fingen seine Haare an zu brennen und dann sein Gesicht. Das ging so schnell, dass er noch nicht mal schreien konnte, obwohl er das wollte. Er fiel die Leiter runter und war tot. Ich machte die Klappe zu.



Diese Texte entstanden als Hausaufgabe für den Schauspielkurs, den ich wöchentlich besuche. iieleicht werden sie in einer unserer nächsten Aufführungen verwendet. Ich sage Bescheid, wenn es soweit ist.

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