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Eine Gleichung

Sie rührte die Individualität mit dem Durchhaltevermögen liebevoll zusammen, nahm dann drei Esslöffel Kreativität, einen Teelöffel Stolz, zwei Teelöffel Ehrgeiz, Wagemut und Humor im Verhältnis 1:1 dazu und vermischte alles gut. Intelligenz und Weitsicht mussten nun mit einer Prise Andersdenken versehen und untergehoben werden. Danach rührte sie die im Handel erhältliche Mischung aus Dynamik, Stärke, Schaffens- und Innovationskraft gleichmäßig unter und würzte mit Ehrfurcht, Respekt und Wertschätzung. Zum Schluss folgte die komplizierte zuvor angesetzte Masse aus Neugier, Lebensliebe, Lern- und Entdeckerfreude, Empathie und Freundlichkeit, zusammen mit dem Gemeinschaftsgefühl. Diese musste nun mit den Händen mit dem Teig verknetet werden bis er die bekannte gleichmäßige Bräune hatte.

 

Sie legte den Teig vorsichtig auf das Blech und formte behutsam Beine, Arme und Kopf. Augen brauchte er nicht, denn er würde mit dem Herzen sehen. Sie betrachtete lächelnd den kleinen Teigmann und als sie befand, dass alles an seinem rechten Fleck war, öffnete sie den heißen Ofen, schob das Blech hinein, stellte die Aufzieh-Uhr auf 42 Minuten und machte derweil den Abwasch.

Nachdem die Uhr geläutet hatte, stellte sie sich mit dem Klemmbrett vor den Ofen, schaltete ihn aus, ließ das Licht aber noch an und öffnete die Ofentür. Sie kniete nieder und zückte den Stift, um Unregelmäßigkeiten im Notfall notieren zu können. Der kleine Teigmann richtete sich ungelenk auf und kam dann Schritt für Schritt an den Rand des Bleches getapert. Vorne angekommen, schaute er sich um. Sie sah ihm freudig dabei zu und beeilte sich dann, die beiden Kontrollfragen zu stellen: „Was ist an dir echt?“. Das Teigmännchen wendete sich ihrer Stimme zu und sagte, wie jeder seiner Vorgänger: „In mir ist echt, was in dir und mir gleich ist.“ Sie machte zufrieden lächelnd einen kleinen Haken auf dem Kontrollschein.

 

Anschließend fragte sie: „Was ist an dir nicht echt?“. Der Teigmann hielt inne und neigte den Kopf, um nachzudenken. Aber dann sanken seine Schultern ein und er verlor völlig die Vorfreude auf das Kommende, die sich zuvor sichtbar in ihm aufgebaut hatte. Seine Schultern fingen an zu beben und er schien zu schluchzen, als er leise sagte: „Alles“. Diese Reaktion hatte nichts mit dem Protokoll zu tun und sie wusste auch nicht, was sie jetzt machen sollte. Sie wollte ihn am liebsten trösten, aber weitere Interaktion mit den Männchen war verboten. Sie dachte fieberhaft nach, was sie falsch gemacht haben könnte. War der Ofen vielleicht nicht richtig eingestellt? Hatte sie zu viel Intelligenz genommen? Oder zu viel Wagemut, wie bei dem einen Mal, wo der Teigmann gemeint hatte, in Flammen aufgehen zu müssen und sich dann selbst gelöscht hatte?

 

Sie wollte nicht schon wieder etwas falsch gemacht haben, weil die Männchen dann geschreddert wurden und die teuren Zutaten vergeudet waren. Ihr Blick wanderte über das Rezept. Es konnte doch nicht sein, dass sie etwas vergessen hatte! Sie hatte doch schon so viele Teigmännchen in der richtigen Formel in die Welt geschickt!

 

Dann sah sie es: Sie hatte die Prise Selbstliebe vergessen! Letztes Mal war diese leer geworden und sie hatte keine nachgekauft. Sie blickte zum weinenden Teigmann und versuchte verzweifelt eine Lösung zu finden. Sie wollte ihn nicht wegschmeißen, nicht wegen etwas fehlender Selbstliebe! Sie konnte nicht anders, schlug alle Regeln in den Wind und nahm das Kerlchen behutsam auf den Arm. Es war noch warm und roch gut. Sein Teig war fest und doch angenehm elastisch. Als der Teigmann die Berührung bemerkte, wurde er ruhiger und kuschelte sich an ihre Brust. Das brachte ihr Herz kurz zum Stillstand, um dann noch schneller zu schlagen. Sie wusste, dass sie den kleinen Kerl niemals wieder hergeben werden würde! Sie neigte sich zu ihm und küsste ihn auf die Stirn. „Du bleibst bei mir.“, sagte sie. „Selbstliebe kann man schließlich auch lernen.“

 



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