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Gedanken von 2015

Ich habe mein Tagebuch von 2015 wiedergefunden und es waren sogar zwei Einträge darin! Mittlerweile habe ich herausgefunden, warum ich nicht so gerne Tagebuch schreibe. Es liegt daran, dass ich befürchte, dass das Buch und alle meine Gedanken irgendwann von jemand Unbefugtem gefunden und gelesen werden könnten. Es ist mir viel zu gefährlich, meine Gedanken zu Papier zu bringen. Aus diesem Grund sind die Einträge von 2015 auch so verfasst, dass sie jeder lesen dürfte. Ich habe mich also schon damals damit zurückgehalten, meine persönlichsten Gedanken aufzuschreiben. Glück für dich, denn nun darfst du mein Tagebuch von 2015 lesen!



31.05.2015

Es gibt etwas, über das ich mir jeden Tag Gedanken mache: Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mit gierigem Blick über Küchenutensilien streife und mir gedanklich schon mal die rauspicke, die ich bei einem Auszug mitnehmen möchte. Ich wäre auch bereit, zum Beispiel unseren alten Wasserkocher mitzunehmen, damit meine Eltern sich einen neuen kaufen können. Sie wären somit von der Last befreit, etwas wegwerfen zu müssen. So egoistisch bin ich. Ich meine, ich tue mich immer sehr schwer damit, Sachen wegzuwerfen, weil ich immer die leidende Umwelt im Hinterkopf habe und ich würde mich wahrscheinlich freuen, wenn mir jemand alte Sachen abnimmt. Ich muss unbedingt mehr Flohmärkte machen.

 

Jeden Tag denke ich darüber nach, wie ich am besten ausziehe. Am besten in eine kleine Wohnung in einer Stadt, höchstens mit einem Mitbewohner und am liebsten mit Katze. Jeden Tag mache ich mir Gedanken darüber, was man besser machen könnte in so einem Haushalt. Man müsste eine Liste machen. Listen sind sowieso das Beste.

 

Mir ist aufgefallen, dass ich wahnsinnig Angst davor habe, dass ich in meiner mir noch unbekannten Zukunft, anders leben könnte, als wie ich es jetzt für richtig halte. Denn ich habe jetzt schon genaue Vorstellungen von (m)einem glücklichen Leben. Ich möchte diese Ideen sammeln, weil ich sie auf Anhieb nicht ausformulieren kann.

 

Ich hatte gehofft, durch das Schreiben vielleicht etwas ruhiger zu werden, damit ich schneller einschlafen kann. Aber nein, hat nichts gebracht. Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht alles aufschreibe, was mich beschäftigt, weil immer die Gefahr besteht, dass das Buch jemand anderes als ich liest. Im Moment habe ich immer einen späteren Leser im Kopf.


29.08.2015

Hallo hässliches Tagebuch.

Es nervt mich jetzt schon, dass ich es nicht schaffe, regelmäßig zu schreiben. Die wirklich tiefsinnigen Gedanken kommen mir nur beim Fahrrad fahren oder wenn ich eigentlich einschlafen will. So wie jetzt. So ist das halt mit Tagebüchern. Ich habe gelesen, dass sie eigentlich nur zum Gedanken ordnen gut sind. Man sollte sich nicht zu oft durchlesen, was man für einen Blödsinn gedacht hat.

 

Doch gerade will ich zwei Gedanken festhalten, die (wie ich hoffe) für immer gelten. Ich habe mich auf der Nachfeier von Carlottas Geburtstag mit zwei Menschen unterhalten, die schon ins Berufsleben bzw. ins Studium eingestiegen sind. Ich finde es immer noch spannend, was andere so nach der Schule machen, wo ich doch selbst noch nicht genau weiß, wohin mit mir. Ein Erwachsener hat mir einmal erzählt, dass die Schulzeit im Gegensatz zum Beruf sehr angenehm ist, vor allem wegen der festen Ferienzeiten. Darauf kamen wir nun zu sprechen.

 

Der eine, der eine Kaufmannslehre oder so macht, konnte das absolut bestätigen und bat mich die Schulzeit doch zu genießen. Ich konnte das nicht nachvollziehen. Und nach einem langem Hin und Her (es war wirklich ein etwas längeres Gespräch) kamen wir zu dem Schluss und konnten uns mehr oder weniger darauf einigen, dass man erst im Nachhinein sagen kann, was nun weniger stressig ist. Erst im Vergleich ist es möglich zu sagen, dass der Kindergarten aber doch schöner war als die Grundschule. Die Grundschule doch leichter als das Gymnasium. Jedoch wird uns kein Grundschüler von seinem wunderbar lockeren Leben als Erstklässler erzählen.

 

Was dabei jedoch auch herauskommt ist, dass sich jeder (also zumindest ich) unbewusst oder sogar bewusst, sein Leben in der Zukunft angenehmer als die gegenwärtige Wirklichkeit vorstellt. Meine Vorstellung vom Berufsleben ist ein Job, den ich liebe, von dem ich dann vielleicht auch keine Auszeit brauche. Meiner Meinung nach hat man nämlich in der Schule nur Ferien, weil die Schule so anstrengend ist.

 

Aber natürlich ist das Ganze Quatsch, vor allem rückblickend gesehen. Natürlich werde ich immer meine Probleme mit wasauchimmer haben und ich muss mich an irgendetwas abarbeiten.
Was wahrscheinlich ebenfalls eine Illusion ist, ist, dass ich mir meine Zukunft als komplett eigenständige Person vorstelle, die für sich selbst sorgt und auf sich allein gestellt ist. Ich habe mir wirklich gedacht, dass ich kurz nach der Schule ausziehe und mehr oder weniger meine eigenen Wege gehe. Jedoch war für mich diese Einsamkeit sogar erstrebenswert. Ich möchte mich von dieser Idee verabschieden. Das ist wirklich Unsinn. Ich werde mich immer um Menschen kümmern und mich in bester Gesellschaft befinden. Man sagt immer: Lebe im Jetzt und nicht in der Vergangenheit. Aber ich lebe in der Zukunft. Und davon habe ich erstmal keine Ahnung.

 

Also, noch einmal zusammenfassend die zwei Gedanken, die ich weitergeben wollte. Erst im Nachhinein weiß man, was man hatte. Und man stellt sich die Zukunft besser vor als sie ist.
Denk nicht, dass bald alles besser wird. Das ist es nämlich schon: Es ist schon besser geworden.



Wenn ich diese Tagebucheinträge heute nochmal lese, merke ich einerseits, dass ich ein paar Dinge in den letzten Jahren gelernt habe. Andererseits bin ich mit vielen Formulierungen nicht zufrieden und finde alles Gesagte ziemlich offensichtlich. Ich verspüre auch ein leichtes Schamgefühl an manchen Stellen.
Dennoch finde ich es interessant, welche Erkenntnisse ich wann gewonnen habe. In der Erinnerung verschwimmt schließlich immer alles ineinander.

 

Ich habe diese Tagebucheinträge als Rede auf meiner Abiturfeier vorgelesen. Meine Deutschlehrerin sprach mich nachher darauf an, dass es ein gutes rhetorisches Mittel gewesen sei, die Rede als Tagebuch darzustellen. Sie glaubte mir fast nicht, als ich ihr versicherte, dass es sich um echte Tagebucheinträge vom Anfang des 13. Schuljahres handelte. An dieses Gespräch erinnere ich mich immer zurück, wenn ich an mein Tagebuch denke.



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Kommentare: 1
  • #1

    Ellen (Dienstag, 05 Februar 2019 14:41)

    Liebe Fine,
    Super interessanter Beitrag! Es ist mir immer wieder eine große Freude, an deinen Gedanken teilzuhaben.
    Mehr davon!!